Gesucht!

Es klingelt Sturm bei uns im Büro.
“Kann mal jemand von euch…?”, fragt Franzi aus der Küche. “Ich hab beide Hände im Kuchen.”
“Wieso backst du eigentlich Kuchen”, erwidert Kira. “Wolltest du nicht das Land verlassen und deinen Namen ändern?”
Julia sieht auf, Cutter in der einen, Prittstift in der andern Hand. “Will sie. Was glaubst du, warum ich hier Pässe für sie fälsche?”
“Weil du vor deinem Sachbuch davonläufst?”
Julia schneidet eine Grimasse.
Es klingelt noch einmal. Diesmal deutlich stürmischer.
Jenny kommt mit zerzausten Haaren aus dem Nebenzimmer, wo sie an ihrem neuen Fantasy-Projekt schreibt. “Das nervt ja. Kann da vielleicht mal jemand hingehen?”
“Hände im Kuchen, sorry!”, ruft Franzi, und Julia nuschelt: “Hände voller Kleber …”
“Sachbuch!”, sagt Daniela mit drohendem Unterton. “Sachbuch!”
“Ja, bin ja dabei. Eigentlich.”
“Wird auch Zeit.”
“Und was ist mit dir und dem Abgabetermin für den Roman?”, kontert Julia.
“Das tut hier nix zur Sache.”
Julia schüttelt den Kopf. “Ist klar. Außerdem komm ich mit dem Sachbuch gut voran. Ist nämlich ein tolles Sachbuch.”
Jenny ist wieder mal die, die die Tür öffnet, während die anderen über Bücher und Kuchen diskutieren.

Draußen steht ein etwa sechzehnjähriges Mädchen, dunkle Locken, leicht asiatische Gesichtszüge, so groß wie Jenny, die sie sofort erkennt, hat sie doch in der Vergangenheit ziemlich in ihrem Leben herumlektoriert. Ob sie sich an den süßen Flirt mit Cedric, den Jenny eiskalt ausgelöscht hat, noch erinnern kann? Jenny hofft mal nicht … Das Mädchen scheint jedoch aus anderen Gründen gekommen zu sein. Sie wirkt aufgeregt.
“Elin?” Julia hat Klebstoff und Cutter hingelegt und nähert sich vorsichtig. “Was tust du hier?”
“Nick ist in Gefahr”, stößt Elin hervor, als würde sie gleich weinen.
“Das wissen wir. Er war vor kurzem sogar hier bei uns im Büro, wenn auch nur kurz”, merkt Franzi an und wirft Kira einen vielsagenden Blick zu.
“Er war hier? Bei euch? Wie ist er nach Deutschland gekommen?”
“Hat er nicht gesagt”, antwortet Julia vorsichtig, während sich in ihrem Kopf eine wahnwitzige Jagd zum Flughafen von Los Angeles abspielt.
Elin fragt weiter: “Hat er irgendwas gesagt? Hat er gesagt, wo er hinwill?”
“Die Gelegenheit dazu hat sich nicht wirklich ergeben”, erwidert Kira vorsichtig und verkneift sich jede Bemerkung über Nicholas’ Abgang vom Balkon, an den sie sich noch sehr genau erinnern kann. “Wir haben seitdem aber auch nichts mehr von ihm gehört.”
“Er wird verfolgt!” Elin lässt sich widerstandslos von Kira in die Teeküche führen. “Irgendjemand ist hinter ihm her, und ich weiß nicht einmal genau, wer! Hier. Guckt euch das mal an! Das hat er mir zwischendurch geschickt.”
Sie zieht ihr Smartphone aus der Tasche und zeigt uns ein Video.

“Puh”, sagt Daniela, als wir es alle gesehen haben. Streng sieht sie Julia an. “Musste das sein?”
Du bist doch die, die immer so drauf steht, ihre Figuren leiden zu lassen, und wenn ich das EINmal mache -”
“Darüber müssen wir jetzt nicht diskutieren, oder?” Franzi stellt den frischen Kuchen vor Elin. “Hier. Stärkt dich erstmal. Und dann gehen wir Nick suchen.”

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