Happy Harper-Day

Schlaftrunken torkelt Daniela in Kiras Büro. „Was machst du da?“
„Sieht man doch, ich dekoriere mein Zimmer ein bisschen um.“ Mitten im Raum thront eine Leiter. Der gesamte Boden ist mit Zeitungen, Werbeprospekten und verworfenen Coverideen ausgelegt, die Möbel stehen verschämt in einer Ecke, abgedeckt mit alten Laken, die noch von den Vormietern im Flurschrank herumgammelten. Wir wollten nicht so genau wissen, wofür die eigentlich benutzt wurden.
Kira trägt übrigens einen Zeitungshut, neben ihr lagern Farbeimer. Vier Stück. Lila, orangegelb, mintgrün, hellblau.

„Du dekorierst EIN BISSCHEN um? Mitten in der Nacht?“
„Es ist gerade mal halb zwölf, jetzt übertreibe mal nicht.“ Kira mustert die Eimer neben sich und taucht die Rolle eher wahllos in den mit der lila Farbe. Flieder, steht auf dem Deckel. Schwungvoll rollert sie los, während Daniela noch immer irritiert die bereits fertig gestrichene orangegelbe Fensterwand mustert.

„Ihr seid ja noch da.“ Mit einem Stücken Kuchen kommt Franzi ins Büro. „Oh, harperst du gerade dein Zimmer?“
„Na ja, ich war hier ganz allein, nur wenige Stunden vor Harpers Veröffentlichung, und wusste nicht, was ich machen sollte.“ Wieder taucht Kira die Rolle in den Farbeimer, dann schiebt sie die Leiter an die angefliederte Wand. „Und irgendwas muss ich doch machen, oder?“ Sie sieht ein bisschen hilflos aus, wie sie da auf der wackeligen Leiter herumklettert. „Seit Monaten denke ich nichts anderes als Harperharperharper, und dann musste ich zusehen, wie ein Verlag nach dem anderen es ablehnte, nur weil ihnen die Protagonistin nicht verhuscht genug war. Ich habe ein bisschen Angst, dass sie jetzt noch mal abstürzt. Dass morgen kein Einziger dieses Buch kauft.“

„Was machst du eigentlich noch im Büro?“, fragt Daniela. Sie muss niemand fragen, sie ist immer die Letzte, die geht. Schließlich würde ihr Schreibpensum für 2018 eigentlich für uns alle reichen.
„Ich, äh.“ Möglichst unauffällig versucht Franzi, den Kuchen hinter ihrem Rücken zu verstecken, sieht dann jedoch ein, dass das eine eher alberne Aktion ist. Schließlich starrt Kira schon seit zwei Minuten gierig darauf. „Okay, ich habe einen Harper-Kuchen gebacken. Ich wollte wirklich nur probieren, ob er schmeckt. Nur ein winziges Stück.“ Das winzige Stück bedeckt den gesamten Teller.
Blitzschnell bricht sich Daniela etwas davon ab. „Schmeckt. Schmeckt super“, murmelt sie mit vollem Mund.

In diesem Moment klappert ein Schlüssel im Schloss der Eingangstür, kurz darauf stolpern Julia, Jenny und Tatjana lachend ins Büro. Mit einer Kiste Sekt, zwei Flaschen Strathisla und einem Riesentopf veganen Currys.
Eine Flasche Sekt fehlt bereits.
„Ich wusste, dass du nicht schlafen kannst“, meint Julia und nickt wissend.
„Deshalb dachten wir, wir feiern einfach in Harpers Geburt hinein“, ergänzt Jenny und köpft bereits die nächste Flasche. „Damit kann man ja nicht früh genug anfangen.“

Wir atmen erleichtert aus, als Kira wieder die Leiter hinunterklettert. Zwar wollte niemand etwas sagen, aber wir sahen sie bereits mit gebrochenem Genick auf dem Boden liegen.
Es ist kurz vor Mitternacht, als Julia Curry auf verschiedene Teller schöpft, Jenny die dritte Flasche Sekt und die erste Strathisla öffnet, Franzi den Kuchen aufschneidet, Tatjana das Besteck verteilt und Daniela ausnahmsweise ihren Laptop ausschaltet.
Und dann sehen wir Harper dabei zu, wie sie hinaus in die Welt fliegt. Wir weinen ein bisschen, aber wir wissen, sie hat starke, wunderbare Flügel. Sie wird nicht abstürzen.

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