Von Hammermördern, Badboys und naiven Mädchen

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Fröstelnd ziehen wir die Reißverschlüsse unserer Jacken bis ganz nach oben.
“Kalt hier”, sagt Kira, die es immer mindestens fünf Grad wärmer gewöhnt ist als Julia.
“Und stürmisch”, stellt Franzi fest, die sowieso selten das Haus verlässt.
Julia versteht nicht, was die beiden meinen. So eine leichte Brise vom Meer und ein wenig sanfter Nieselregen haben doch wirklich noch niemandem geschadet.
Daniela sieht an der Fassade des Hamburger Plattenbaus hoch, vor dem wir fünf stehen.
“Arme Leo”, meint Jenny. “Du warst manchmal echt fies zu ihr.” Vorwurfsvoll schaut sie Julia an.
Julia zuckt die Schultern. “Es ist hier wirklich schwierig, bezahlbare Wohnungen zu finden. Ich kann da gar nichts dafür.”
“Aber … das hier? Nee, oder?”
“Ich hab hier mal gewohnt. Ich fand das gut als Romankulisse”, sagt Julia. “Und eins der ersten Dinge, die meine Vermieterin – die im Übrigen viel netter war als Leos Svenja – damals sagte, war: Manchmal ist es auf dem Flur ein bisschen lauter. Zu dem da drüben kommt öfter mal die Polizei. Wir nennen ihn den Hammermörder.”
“Müssen wir jetzt in das Haus reingehen?”, fragt Franzi mit mühsam unterdrücktem ängstlichen Unterton.
“Also ich würde gern Leos Wohnung sehen”, erklärt Daniela fröhlich. “Überhaupt, wieso hast du Leo nicht länger darin wohnen lassen?”
Julia grinst. “Wir können ja mal irgendwo klingeln, vielleicht lässt uns jemand rein.”
“Du weichst aus. Warum hast du sie nicht länger da wohnen lassen?”
“Weil …” Julia schüttelt den Kopf. “Was ist denn das für eine Frage? Weil das halt nicht zum Buch passte. Viele halten Leo für scheu und naiv, aber in meinem Kopf ist sie das gar nicht. Die Leo in meinem Kopf ist recht klar und geradeaus, und sie hat schnell festgestellt, dass sie anderswo besser wohnen kann.”
“Apropos anderswo”, bemerkt Jenny. “Gibt es für die Gegend, in der sich die lustige Baustellen-WG mit Loris und den beiden polnischen Bauarbeitern befindet, auch eine Vorlage?”
“Nur so grob. Das muss irgendwo in der Nähe der Alster sein, in einem Viertel, wo es Villen und Hinterhöfe gibt. Ich habe mir da die Häuser angesehen, und ja – es gibt eine Straße und ein Haus, das ich im Kopf hatte.”
“Wollen wir nicht lieber dahin ..?”, fragt Franzi vorsichtig.
“Ach Quatsch”, unterbricht Daniela sie energisch. “Wir klingeln jetzt bei dem Hammermörder.”
Kira lacht. “Meinst du, der wohnt hier noch?”
“Ich hoffe mal nicht”, meint Jenny. “War deine Wohnung damals auch so ein Drecksloch wie Leos? Du bist doch selbst für das Studium nach Hamburg gezogen, oder?”
“Na ja, diese Wohnung da oben im siebten Stock war schon interessant. Und im Aufzug mochte ich echt nichts berühren. Aber als sie dann gestrichen und fein geputzt war, habe ich mich durchaus wohl gefühlt, und reingeregnet hat es nicht. Das war im Buch dramaturgisch leicht überhöht.”

 

“Ich muss noch mal auf das Thema Naivität zurückkommen”, sagt Kira. “Mir ging es schon so, dass ich Leo immer wieder schütteln wollte …”
“Ich wollte ihr bloß heiße Schokolade kochen”, unterbricht Franzi.
“ … und ihr sagen, dass das, was sie da gerade macht, echt nicht geht”, fährt Kira ungerührt fort.
Julia schüttelt den Kopf. “Sie ist nicht so irre naiv, wie manche Leserinnen geschrieben haben. Der Eindruck entsteht natürlich dadurch, dass man als Leser ja auch Loris’ Perspektive kennt. Aber nur von Leo ausgehend … Sie kann viele Sachen einfach gar nicht wissen. Woher denn? Natürlich habe ich von Anfang an Hinweise eingestreut, die man sehen kann, wenn man weiß, worauf man achten muss, aber das sind alles Dinge, die in Leos Welt nie vorkamen. Wie soll sie sie erkennen?”
“Das macht das Buch so spannend, finde ich”, ergänzt Daniela. “Man kann ja nie wirklich in eine andere Person hineinsehen. Und wenn man sich frisch verliebt, ist es normal, dass man den anderen erst mal nur von seinen positivsten Eigenschaften aus wahrnimmt. Dass da noch ganz andere lauern können, muss man erst mal bemerken.”
“Vor allem, wenn man die gar nicht wahrhaben will.” Kira schüttelt sich. “Das ist auch eine echt harte erste Liebe, die du Leo in deinem Roman zugemutet hast. ”
Julia nickt. “Stimmt. Aber sagt mal: Wollen wir nicht gucken, ob wir ein Café finden, das so nett ist wie das Posh’n’Plush? So langsam wird mir auch kalt.”

 

“Aber uns sagen, wir sollen uns warm genug anziehen für den Norden”, lästert Kira, beeilt sich aber trotzdem, zusammen mit den anderen ein Café anzusteuern. “Kanntest du selbst mal so jemanden wie Loris?”
“Würdet ihr das auch fragen, wenn ich über eine Expedition in die Antarktis geschrieben hätte?”
“In der Antarktis zeigst du uns ja keine abgewrackten Häuser, in denen du mal gewohnt hast”, sagt Jenny. “Und ja, wenn in dem Buch ein Loris vorkäme, würde ich auch fragen.”
“Guter Punkt. Okay. Sagen wir: Ich habe durchaus schon Menschen getroffen, denen ihre Kindheit nicht so gut bekommen ist. Ihr kennt das – in jeder Geschichte steckt ein kleines bisschen von einem selbst, sonst würde man sie nicht erzählen oder nicht auf diese Weise erzählen.”
Hastig zieht Franzi die Tür zu einem kleine Studentencafé auf und sucht einen Tisch am Fenster aus. Die feuchten Jacken hängen wir über die Stuhllehnen.
“Das ist ja eigentlich das Spannende am Schreiben”, sagt sie, nachdem sich alle hingesetzt haben. “Man kann seine eigenen Erfahrungen in eine neue Form pressen, sie sogar aus anderen Perspektiven betrachten. Und wenn man sich länger mit Freunden unterhält, merkt man, dass gar nicht wenige selbst einen Loris in ihrem Leben hatten.”
Julia nickt.
Als die Kellnerin kommt, bestellen wir. Soja-Cappuccino für Julia, grüner Tee für Kira, Kräutertee für Daniela, heiße Schokolade für Franzi und ein doppelter Espresso für Jenny.

 

“Vielleicht kommt daher auch das immer wiederkehrende Badboy-Motiv in so vielen Geschichten”, mutmaßt Daniela, während sie in der Waffelkarte blättert. “Das ist so ein Klassiker.”
Franzi versucht derweil, nicht allzu gierig in Richtung Kuchentheke zu starren, gibt den Versuch allerdings nach nur wenigen Sekunden auf und läuft hinter Kira her, die bereits auf die Vitrinen zusteuert. Mit großen Sahnetortenstücken kommen beide kurz darauf zurück.
“Was ist ein Klassiker?” Kira schiebt Jennys Espresso zur Seite, um Platz für den Kuchenteller zu schaffen.
“Böser Junge, nettes Mädchen”, sagt Jenny. “Das rührt irgendwas bei den Leuten an.”
Julia denkt nach. “Ich hab das nicht mal gemerkt. Vielleicht, weil Loris für Leo überhaupt gar kein ‘Badboy’ – gruseliges Wort übrigens – ist. Die sieht ihn nicht so. Die sieht nur den, der er in seinen guten Momenten sein kann, und wartet, dass er endlich aufhört, ‘böse’ zu spielen.” Sie wischt sich Cappuccinoschaum von den Lippen. “Macht das Sinn?”
“Ja, absolut”, sagt Kira nickend. “Ich habe Loris übrigens auch nicht als Badboy wahrgenommen – nicht, weil ich als Leserin nicht mitbekommen hätte, wo seine Baustellen sind, sondern weil ich bei ihm einfach das Gefühl hatte, dass diese guten Seiten, auf die Leo wartet, tatsächlich den eigentlichen Loris ausmachen.”
“Und was ist mit Kimo?”, nuschelt Franzi etwas undeutlich und schluckt hastig ein zu großes Stück Torte hinunter. “Welche Rolle spielt er für Leo?”
“Ich glaube …” Julia bricht ab. “Was denkt ihr?”
“Ich glaube”, nimmt Kira den Faden auf, “ich glaube, er erinnert Leo daran, wer sie selbst ist.”
“Das klingt sehr schön”, sagt Julia.

 

“Apropos erinnern.” Daniela beugt sich vor. “Ich fand ja die Sache mit der Rückführung sehr spannend. Hat jemand von euch so was schon mal gemacht?”
“Nö.” Kira schüttelt den Kopf. “Das ist mir zu abgefahren. Aber Julia bestimmt, oder? Es liest sich jedenfalls echt realistisch.”
Julia grinst. “Für die Recherche bin ich mir für nichts zu schade.”
“Ja, und?”, bohrt Daniela weiter. “Wie war das für dich?”
“Irgendwie vermute ich, man muss sich da mehr drauf einlassen können”, sagt Julia zögernd. “Aber es soll ja Leute geben, die dadurch zu mehr Klarheit gekommen sind. Und für Leo hat das Ganze natürlich einen sehr dramatischen Effekt –”
“Pssst!”, unterbricht Franzi. “Nicht zu viel verraten!”
“Hätte ich gar nicht… Ich bin bestimmt die Autorin mit der größten Spoiler-Panik auf der ganzen weiten Welt.”

 

“Stimmt”, bestätigt Kira trocken und betrachtet betrübt ihren leeren Kuchenteller. “So zum Abschluss: Wie würdest du reagieren, wenn sich jetzt die Tür da drüben öffnen und Leo zusammen mit Miri hier reinkommen würde?”
“Was für eine coole Frage! Ich wäre sehr verblüfft darüber, dass Leo nicht die Einzige ist, der Figuren aus ihren Geschichten plötzlich im echten Leben begegnen. Und dann würde ich vermutlich einen Fantasy-Roman schreiben, in dem genau das passiert.”
“Schreib lieber erst mal eine Fortsetzung zu WENN ICH DICH NICHT ERFUNDEN HÄTTE.” Jetzt grinst Daniela. “Ich fände das sehr gut. Da sind doch noch ein paar Fragen offen, nech?”

 

Julia lächelt. “Ist eine Möglichkeit. Ich drehe diese offenen Fragen schon eine ganze Weile im Kopf rum. Ich habe sogar den ersten Satz für eine mögliche Fortsetzung bereits im Kopf.”
“Und wie lautet der?”, fragt Jenny.
Julia nimmt ihre Jacke. “Kann ich nicht sagen, ohne zu spoilern.”

 

leo
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