How to run

(Was bisher geschah)

Plötzlich wirbeln alle durcheinander. Leo, Lizzy und Juli wollen Nicholas dabei helfen, die Hintertür zu finden, Shirvan und Loris treten beherzt der Wohnungstür entgegen und machen sich bereit für die Verteidigung. Daniela stellt ihre Teetasse ab und drückt sich so eng gegen die Wand, dass sie hoffentlich unsichtbar wird, oder zumindest nicht weiter auffällt, und Julia betrachtet ihren Nicholas-Liebling mit paralysiertem Blick: “Das tut mir wirklich sehr leid”, murmelt sie. “Aber wir haben keine Hintertür.”
“Nicht dein Ernst.”
“Doch, sorry.”
Er sieht sich um. “Haben wir einen Balkon?”
Das Bollern an der Tür wird lauter.
“Balkon?”, wiederholt Nicholas dringlicher.
“Wir sind im vierten Stock”, sagt Toni.
“Echt, Alter. Was willst mit einem Balkon? Runterspringen?” Loris schüttelt ein bisschen schadenfroh den Kopf.
“Du würdest dich wundern, was man mit Balkonen alles tun kann”, sagt Leo im selben Augenblick, als Nicholas grimmig erwidert: “Watch me.”
Resolut stellt sich Julia vor die Balkontür. “Nix da. Hier springt niemand irgendwo runter. Ich brauch dich noch, und wenn’s nur für die Werbekampagne -”
Ohne Julia weiter zu beachten, schiebt Nick sie beiseite.
“He!”
Kira fängt die herumfuchtelnde Julia netterweise auf, bevor die über die Sofalehne stolpern kann. “Lass ihn doch”, raunt sie Julia beruhigend zu. “Du weißt, dass er das kann.”
“Er kann was?” Katinka ist zusammen mit Juli hinter Nicholas her auf den Balkon gestürzt. “Was macht er? Was hat er vor? Er wird doch nicht …”
Lizzy beißt sich auf die Lippe, während sie durch das große Fenster beobachtet, wie Nicholas sich über die Brüstung schwingt.
Als er mit Händen und Füßen gleichzeitig loslässt und in der Tiefe verschwindet, stürzt Julia zum Geländer und blickt nach unten. Hände am Holm, Füße unten auf dem Balkon des dritten Stockes, lässt Nicholas schon wieder los und wiederholt das Manöver in atemberaubender Geschwindigkeit. Kurzer Halt im zweiten Stock, dann landet er geschmeidig auf den Füßen.
Oben drängeln sich mittlerweile alle übereinander auf dem Balkon.
“Wahnsinn!” Man sieht Loris selten so beeindruckt. “Wie hat er das jetzt gemacht?”
“Ich würde da einfach nur senkrecht den schnellsten Weg nehmen”, murmelt Leo und starrt Nick hinterher, der sehr weit unten gerade die Straße überquert und mit langen Schritten zwischen den geparkten Autos hindurch läuft. “Er ist … ziemlich …”
“Was?”, fragt Loris, sein Ton ist ein bisschen schärfer als gewöhnlich. Leo sieht ihn verwirrt an.
“Nichts”, entgegnet sie. “Er ist einfach ziemlich sportlich, oder?”
Loris sieht noch mit zusammengezogenen Augenbrauen auf sie hinunter, als Katinka plötzlich ruft: “Guckt euch die mal an! Auffälliger geht’s ja nicht, was?”
Ein roter Porsche Panamera rollt langsam die Straße entlang.
“Als würde er einen Parkplatz suchen”, murmelt Toni.
“Oder was anderes”, fügt Julia dumpf hinzu.
Nicholas ist nirgendwo mehr zu sehen, und wir alle hoffen, dass er mittlerweile schon einen guten Vorsprung gewonnen hat. Was für ein elender Mist.

christian-spies-39101Bedrückt versammeln sich alle wieder im Inky-Büro. Erneut schrillt die Türklingel.
Und jetzt?
Loris spielt mit seinem Butterfly-Messer herum. Wie zufällig bleiben Shirvan und er wieder im Flur stehen, während Jenny zur Tür geht. “Nützt nichts. Wir müssen den Gefahren ins Gesicht sehen.” Damit drückt sie die Klinke herunter.
Während Jenny die Tür öffnet, stehen alle still und keiner wagt es zu atmen. Zu allem Überfluss zieht Jenny die Tür so laaaaangsam auf, dass man nicht sofort ins Treppenhaus sehen kann.
“Da ist niemand!”, erklärt sie dann und reißt die Tür sperrangelweit auf. “Seht ihr?”
Ein kollektives Aufatmen zischelt durch die Büroräume.
“Vielleicht sind sie noch unten und müssen erst hochkommen”, vermutet Julia.
Für einen Moment lauschen alle ins Treppenhaus. Aber da ist nichts. Keine Schritte, kein Atmen, gar nichts.
“Sie sind weg.” Jenny schlägt die Tür wieder zu. “Wahrscheinlich suchen sie Nicholas draußen.”
Mit einem Mal stehen die Partygäste unschlüssig herum. Kaum jemandem ist es noch danach, weiter zu feiern. “Also, mir reicht es für heute”, murmelt Daniela.
“Ich glaube auch.” Kira nickt vorsichtig und erhebt sich. “Ich muss auch los, ich muss zu Hause noch etwas fertig machen.”

Langsam löst die Party sich auf. Und obwohl Kira weiß, dass alle Romanfiguren nur hier im Inky-Büro auftauchen und sie sich fürs Erste mal wieder von ihnen verabschieden muss, ist sie ein bisschen erleichtert, als sie nach draußen auf die Straße tritt. Die Sache mit Nicholas hat ihr zugesetzt, und Daniela war vorhin auch so merkwürdig. Minutenlang hat sie da an der Wand gestanden und vor sich hingestarrt. Unheimlich.

Zu Hause fährt Kira den Rechner hoch und lässt sich aufseufzend davor nieder. Kurze Zeit später ist sie völlig in ihrem Manuskript versunken, bis es plötzlich – klingelt.

(Und so geht es weiter.)

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